Der besondere Moment auf der Zugspitze

Ich müßte es eigentlich langsam kapiert haben, dass mein Körper sein Eigenleben führt und nicht immer so will wie ich. Er hatte es sich wieder mal über Nacht anders überlegt und meinen Plan durchkreuzt, spontan am Zugspitz Extremberglauf teilzunehmen.  Dieser Lauf spukt mir und Peter schon länger im Kopf herum,  hatte mich aber bislang noch nie richtig daran getraut. 18 k und 2200 hm bis auf die Zugspitze hoch, da kann die Luft schon dünn werden.

Da Peter nun durch meine alleinige ZUT Teilnahme etwas ins Hintertreffen geraten war, kam dieser Lauf am Samstagabend also wieder auf den Tisch und war schnell beschlossene Sache.  Aber auf dem Weg in den Keller, um dort meinen Laufrucksack zu packen, spürte ich schon ein komisches Rasseln in den Bronchien. Ich kenne dieses Gefühl nur zu gut. Es hat mir schon so manchen Lauf verhagelt und mich zu oft auf schnellstem Wege ins Krankenbett verfrachtet.  Ich war innerhalb von Sekunden um 10 Jahre gealtert.

Es sollte also wieder so ein, dass ich auch dieses Läufchen als Zaungast begleiten würde.  Aus reiner Bockigkeit beschloß ich meinen Rucksack zu Ende zu packen, obwohl ich  insgeheim wußte, dass ich mit 98%iger Sicherheit die Gondel nehmen würde.  Diese Bockigkeit und die Hoffnung auf die 2 % Startwahrscheinlichkeit hielt sogar bis Sonntagmorgen an, erst nach dem Kaffee lies ich mich durch meinen Körper überzeugen die Wanderhose anzuziehen und die Laufhose dort liegen zu lassen, wo ich sie am Vorabend hingelegt hatte. Mittlerweile war das Rasseln in Husten übergegangen.

Gesagt getan, wir fuhren um 6:30 los, Peter in Laufausrüstung, ich in Wanderhose und Jacke. Der Tag sollte aber noch richtig gut werden.  In Ehrwald angekommen trafen wir die ersten Lauffreunde und das Wetter war bombig.  Schon auf der Autobahn ließ sich die Zugspitze in ihrer ganzen Schönheit bewundern.  Kein Wölkchen am Himmel, es schien gerade so, dass dies eine kleine Entschädigung für mich war.  Entsprechend gut gelaunt begleitete ich Peter zum Start.  Ca. 700 Läufer hatten sich dort eingefunden und die Stimmung war wie immer lustig.  Die Wut über meine aufkommende Erkältung verflog schnell und ich freute mich sogar, dass ich gemütlich den Tag beginnen konnte.  Allerdings mit einer 45 min-Wanderung vom Startgelände zur Zugspitzbahn, da ich zu faul war auf den Shuttle-Bus zu warten.  Anfangs ärgerte ich mich über meine Ungeduld, weil ich ein Stück an der Straße entlang musste, bevor es auf einem schönen, welligen Waldtrail weiter ging, der direkt zur Gondel führte.

An der Gondel angekommen war die Karte schnell gekauft, ich eingestiegen und schon setzte sich das hängende Gefährt in Bewegung.  Ich merkte leichten Angstschweiß auf meiner Stirn, ich leide nämlich unter Höhenangst, vor allem, wenn unter meinen Füßen nur noch Luft ist. Der klare Blick in die Bergwelt konnte mich ein wenig von meiner inneren Unruhe ablenken. Oben angekommen konnte ich den bereits aufgebauten Zielbogen sehen. Ich suchte mir einen Platz unterhalb der Zielmatte und ließ den Blick in die Ferne schweifen. Die Aussicht war grandios, völlig klar und man konnte an der Station Sonn Alpin schon die ersten Topläufer erkennen. Kleine Punkte, die sich schnell bewegten.  Immerhin müssen die Läufer auf dem letzten Stück ca. 400 hm über eine Steilwand überwinden. Das ist hartes Brot und im unteren Teil nicht einfach zu laufen, da man immer wieder im Schutt wegrutscht.  Ich war froh hier oben zu sitzen und habe mir Gedanken gemacht, wo Peter sich gerade befindet.  Dann plötzlich tauchte der erste Läufer erkennbar am Hang auf. Wahnsinn wie die hoch laufen. Das ist echtes Berglaufen dachte ich mir noch, nicht so wie ich, die mehr oder weniger im Tempo eines Bergjoggers hoch jagt.  Aber ich kam schnell zu dem Schluß, dass auch ich manchmal einige Leute hinter mir stehen lasse.  Meine angeborene Grundbockigkeit hat mich schon immer vor unnötigen Selbstzweifeln und Einbrüchen meines Selbstvertrauens geschützt.   Jedenfalls hänge ich so in meinen Gedanken fest, als der erste Läufer direkt vor meinen Augen auftaucht und mir vor die Linse läuft. Peng – meine Cam hat ihn eingefangen. Da ich ein recht begeisterungsfähiger Mensch bin, fange ich an die Läufer ins Ziel zu jubeln und schmeiße ihnen Anfeuerungsrufe entgegen. Am liebsten würde ich mit jedem mit rennen und diejenigen, die sich nur noch hoch kämpfen ins Ziel schieben.  Meine Mitzaungäste lassen sich zu meiner Freude irgendwie davon anstecken und nach einiger Zeit tobt der Bär am Gipfel.  Die Läufer bedanken sich bei uns mit einem Lächeln, einige reißen die Hände in die Höhe, andere schreien auf vor Freude. Es spielen sich Szenen ab, die einfach unglaublich Spaß machen. Am sympathischsten sind mir immer die Läufer, die im Ziel völlig ausflippen und Emotionen zeigen.

Irgendwann sehe ich dann auch Peter auf dem Grad rumspringen, er scheint noch fit zu sein, er läuft recht gut das letzte Stück hoch. Ich tanze und hüpfe schon auf der Stelle, springe dann über das Absperrband auf den Zieleinlauf, laufe ihm hinterher über die Zielmatte, um ihn gleich in die Arme zu nehmen und fest zu drücken. Ich freue mich so sehr, dass er es geschafft hat und gesund angekommen ist. Er ist ein Held und man sieht ihm regelrecht die Anstrengung an. Aber sein Gesicht strahlt voller Stolz und Freude. Die Augen leuchten und glänzen richtig. Wenn ich selber laufe bemerke ich dies meistens nicht so, da man mit seiner eigenen Anstrengung zu sehr beschäftigt ist, aber nun sehe ich sein Runners High im Gesicht. Einfach Wahnsinn. Das ist ein ganz besonderer Moment für uns beide.

One thought on “Der besondere Moment auf der Zugspitze

  1. Hallo Janina und Peter, freue mich euch hier wieder zu treffen. Wir haben den TAR 2010 gemeinsam gelaufen, Team USA(E)DOM, Andy Udis und Ulrich Faust. Hatten auch die eine und andere Unterkunft geteilt. Glückwunsch Peter zu deinem Zugspitzlauf! Super. Ich war vor etwa drei Wochen da zum Zugspitz Ultra, war auch klasse. Habt ihr schon meinen Film vom TAR 2010 gesehen, wenn nicht, lasst es mich wissen. Offensichtlich sehen wir uns wieder beim TAR 2011!? Mich würde es freuen, bis dahin wünsche ich euch eine gute Zeit.

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